Ausbildungsbetriebe und Berufsschulen sind an den Grenzen ihrer Kapazitäten; eine vorgeschaltete Sprachausbildung ist deshalb unabdingbar: Die Meinung war ziemlich einhellig bei der Tagung der Fachgruppe Berufsbildung. Migrationswellen seien in der Gastronomie immer schon ein Thema gewesen, sagte Martin Bosch, Vorsitzender der Fachgruppe: „Was aber jetzt auf uns zukommt, ist ein Tsunami.“ Ukraine, Nahost, Asien und Afrika: Die Anfragen werden immer mehr, teilweise professionell über Agenturen organisiert wie etwa aus Vietnam.
Die Erfahrungen sind unterschiedlich in den Regionen. Fachgruppen-Vorstandsmitglied Jörg Dattler aus Freiburg etwa hat viele Auszubildende aus Georgien, Afghanistan und Vietnam. „Fast alle sind nach der Ausbildung geblieben“, so Dattler. „Das ist der Vorteil; deutsche Azubis sind eher wieder weg.“ Mit Asiaten habe er sehr gute Erfahrungen; viele brächten schon gastronomische Vorkenntnisse aus ihrer Heimat mit. Besonders aus Vietnam sei die Vermittlung über Agenturen gut organisiert. Doch mit Jörg Dattler fordert etwa auch Steffen Schillinger, Vorsitzender der Fachgruppe Berufsbildung im DEHOGA-Kreis Freudenstadt, eine Zertifizierung dieser Agenturen, damit man sich auf Personalien und Sprachzertifikate auch verlassen könne.
Hoffnungen setzt die Fachgruppe in das neue Fachkräfteeinwanderungsgesetz, das in seiner zweiten Phase ab März 2024 in Kraft tritt. Es erlaubt die Einreise nicht nur für Ausbildung und Berufsausübung, sondern auch zum Spracherwerb. Dazu ermöglicht es die Ausübung einer „Nebenbeschäftigung“ von bis zu 20 Stunden in der Woche. Das heißt, die Person kann sich voll dem Spracherwerb widmen und nebenher bereits im künftigen Betrieb Arbeiten übernehmen. Gegen Entlohnung, versteht sich.
Für die Betriebe kostenfreie Lösungen bietet auch die Assistierte Ausbildung (AsA) der Agentur für Arbeit. Nicole Schmid von der Regionaldirektion Stuttgart und die Friedrichshafener Geschäftsstellenleiterin Döndü Özkan stellten das erweiterte Programm ASA flex vor: Auf den hohen Migrantenanteil besonders in der Gastronomie zugeschnitten; mit einem persönlichen Begleiter auch über den schulischen Lernstoff hinaus: Probleme im sozialen Umfeld sind hier genauso mit einbezogen wie die sprachliche Nachhilfe. Ziel ist auch hier, die Abbrecherquote deutlich zu reduzieren. „Der persönliche Begleiter nimmt auch die Angst vor deutschen Behörden“, so Nicole Schmid. Alleine die Nachhilfe würde die Betriebe sonst 180 Euro im Monat kosten; mit AsA flex übernehme die Arbeitsagentur komplett alle Kosten. „Der Betrieb muss nur gelegentlich dem Azubi früher freigeben, damit er zum Unterricht kann. Leider wenden sich noch viel zu wenige Betriebe an uns“, sagt Döndü Özkan. „Dabei ist das ein hervorragendes Instrument für einen sicheren Ausbildungsabschluss.“ Eine Assistierte Ausbildung kann auch in Verbindung mit einer Einstiegsqualifizierung genutzt werden.
Mit dem Projekt „Campus QualiLänd“ stellte Dunja Schlamminger, Geschäftsführerin Berufsbildung im DEHOGA, ein neues Modell vor: Eine vorgeschaltete Einstiegsqualifizierung, drei bis zwölf Monate vor Ausbildungsbeginn, gemeinsam umgesetzt mit der Regionaldirektion BW der Arbeitsagentur. Mit Sprachkursen und Unterweisungen in HOGA-Grundlagen und Fachbegriffe, Hygiene und allgemeiner kultureller Integration. Mit Unterkunft und Verpflegung auf dem DEHOGA-Campus in Bad Überkingen und mit Zuschuss zur Praktikumsvergütung aus den Mitteln der Einstiegsqualifikations-Programms (EQ) der Arbeitsagentur. Finanziert würden die Sprachkurse durch das BAMF und das Land. Aktueller Stand des noch offenen Projekts: Ein Termin mit Justiz-Staatssekretär Siegfried Lorek hat bereits stattgefunden; das Thema ist beim DEHOGA Bundesverband platziert.
Wie man gefährdete Ausbildungsverhältnisse stabilisieren kann, zeigte Karin Pöhler mit dem Projekt „Erfolgreich ausgebildet“: Das vom Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Tourismus Baden-Württemberg geförderte Programm hilft seit 2020 auch Gastronomiebetrieben in Zeiten zunehmender Ausbildungsabbrüche.
Die Neuordnung der Berufsfelder kommt der steigenden Migrantenzahl sehr entgegen. So gab es in Baden-Württemberg beim zweijährigen Ausbildungsberuf Fachkraft im Gastgewerbe und dem neuen Berufsbild Fachkraft für Gastronomie ein Plus von 52 Prozent; die Landesberufsschule in Überkingen hat sogar eine eigene Klasse Fachkraft Küche, wie Schulleiter Dieter Manz berichtete.
Bei aller Konzentration auf Migranten: „Wir brauchen auch die Haupt- und Realschüler und die Abiturienten“, sagte Martin Bosch. „Es könnte noch besser laufen, aber ich habe das Gefühl, da dreht sich was. Kochen finden sie gut, mit Menschen arbeiten finden sie gut. Wir müssen nur dafür sorgen, dass sie auch bei uns landen.“ Und nach wie vor seien auch die Eltern bei der Berufsfindung entscheidend. Auch deshalb wird über die Nachwuchskampagne WIR GASTFREUNDE noch aktiver geworben, berichtete Dunja Schlamminger: Mit Präsenz auf Ausbildungsmessen wie der „Vocatium“ – und mit dem neuen GastroMobil.
Neues GastroMobil, modernere DEHOGA Akademie
Ein Gelenkbus, 18 Meter lang, wird künftig zu den Schulen im Land fahren, wo das GastroMobil erfahrungsgemäß sehr willkommen ist. „Wir mussten aufrüsten“, sagte Dunja Schlamminger: „Bei allem, was die anderen Berufe da auffahren.“ Auch die DEHOGA Akademie in Bad Überkingen wird moderner und attraktiver, wie Akademieleiter Thomas Schwenck berichtete: Mit neuem Restaurant und neuem Bistro, digitalem Seminarprogramm und sogar einem neuen Basic-Workshop für Azubis mit arabischer Sprachbegleitung.
Mehr Infos unter www.wir-gastfreunde.de und www.dehoga-akademie.de