Sperrzeit-Urteil in Heidelberg

„Altstadt wird kaputtgemacht“

Herber Rückschlag für die Kneipenkultur in der Heidelberger Altstadt: Ein Gerichtsurteil fordert die Stadt zu strengeren Sperrzeit-Regelungen auf. Es ist allerdings noch nicht rechtskräftig.

Heidelbergs Ruf als lebensfrohe Stadt mit lebendiger Ausgehkultur hängt eng mit der großzügigen Regelung in der Altstadt zusammen, die der Gemeinderat ausdrücklich beschlossen hat: Von Donnerstag auf Freitag beginnt die Sperrzeit um 3 Uhr; Samstag und Sonntag erst um 4 Uhr. An den übrigen Wochentagen – sonntags bis donnerstags – müssen Wirte um 1 Uhr ihre Gäste nach Hause schicken.

Damit soll nun Schluss sein, denn ein Urteil des Karlsruher Verwaltungsgerichts, das von einer Anwohnerinitiative erstritten wurde, verordnet der Heidelberger Altstadt strengere Sperrzeiten: Die Betriebe sollen künftig werktags um Mitternacht und am Wochenende um 2.30 Uhr schließen. Damit wäre auch der „studentische Donnerstag“ gekippt – eine Heidelberger Besonderheit. Viele Studierenden der traditionsreichen Universitätsstadt nutzen den Donnerstag seit jeher zum Feiern in der Altstadt.

Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig

Wichtig für betroffene Betriebe: Gegen die Entscheidung des Verwaltungsgerichtes kann die Stadt Heidelberg Berufung einlegen. Das Urteil ist also noch nicht rechtskräftig. Es besteht für die Altstadt-Gastronomen also – zumindest vorerst – noch kein Handlungsbedarf zur Änderung der Öffnungszeiten.

Die Reaktionen der Wirte in der Heidelberger Altstadt fallen trotzdem deutlich aus: „Mit diesen Sperrzeiten wird die Altstadt kaputtgemacht. Wenn wir unter der Woche um Mitternacht zumachen müssen, mache ich gar nicht erst auf“, erklärte beispielsweise Dieter Stendel von der „Destille“ gegenüber der örtlichen Presse. Daniel Wilson, Wirt der Kneipen „Jinx“ und „Mels“, bezeichnet die vom Gericht angeordnete Sperrzeitregelung laut einem Bericht der Rhein-Neckar-Zeitung als existenzbedrohend. Bei einer Sperrzeit ab Mitternacht lohne es sich für die meisten Wirte nicht mehr, ihre Kneipen überhaupt erst zu öffnen. Dabei spiele das veränderte Ausgehverhalten eine Rolle, das sich in den letzten Jahren immer weiter nach hinten verschoben habe: „Vor 23 Uhr ist kaum etwas los“, berichtet Wilson.

Der DEHOGA sieht die Stadt in der Pflicht

Der DEHOGA kritisiert das Urteil des Verwaltungsgerichts als viel zu restriktiv: „Es ist sehr enttäuschend – nicht nur aus Sicht der Altstadt-Gastronomie, sondern auch aus Sicht der vielen vor allem jüngeren Gäste und Studenten, die Heidelberg bisher als Stadt mit lebendiger Kneipen- und Ausgehkultur erlebt haben“, erklärt DEHOGA-Geschäftsführerin Melanie von Görtz. „Sie werden, wenn es bei der vom Gericht vorgegebenen Regelung bleibt, künftig mit provinziellen Sperrzeit-Regelungen leben müssen.“

Auch sei zu erwarten, dass einige der betroffenen Betriebe ihren Standort kritisch hinterfragen werden. Für die touristische Marke Heidelberg stellt die Gerichtsentscheidung aus Sicht des DEHOGA einen Rückschritt dar. Der Verband sieht die Stadt in der Pflicht. Von Görtz: „Wir erwarten, dass die Stadtverwaltung die Entscheidung sehr genau prüft und – im Sinne einer lebensfrohen Stadtatmosphäre – die Chance nutzt, Berufung gegen das Verwaltungsgerichtsurteil einzulegen.“ Es gehe hier – neben den berechtigten Anliegen der Gastronomie und ihrer Gäste – auch um den Respekt vor der Entscheidung des Heidelberger Gemeinderates, der die aktuell (noch) geltenden liberalen Sperrzeit-Regelungen beschlossen hatte.

Stand: August 2019