Probleme im ländlichen Raum besonders gravierend

Umfrage zeigt: Alarmstufe Rot in der Gastronomie

Steigende Arbeitsbelastung, dürftige Erträge und ungelöste Nachfolgeprobleme. Die Gastronomie-Umfrage des DEHOGA Baden-Württemberg wirft ein grelles Licht auf die Probleme der Branche und zeigt klar: Wenn sich nichts ändert, gibt’s bald noch weniger Gasthäuser in Baden-Württemberg.

Innerhalb von nur einer Woche haben über 830 Gastronominnen und Gastronomen die Online-Umfrage des DEHOGA Baden-Württemberg beantwortet. Knapp ein Drittel von ihnen haben ihren Betrieb in Gemeinden unter 5000 Einwohnern – sie sind also Vertreter der „Dorfgastronomie“. Für die Umfrage hatte der Verband Mitte März ausschließlich Gastronomiebetriebe (ohne Hotellerie) kontaktiert. „Allein die starke Beteiligung zeigt, wie hoch der Problemdruck trotz der guten Konjunktur ist“, sagt DEHOGA-Landesvorsitzender Fritz Engelhardt. „Die Umfrage zeigt ganz klar: Wenn politisch nichts passiert, wird das Gasthaus-Sterben im Land weitergehen – mit allen Konsequenzen für die Lebensqualität der Bürger und für den Tourismus.“

Die wichtigsten Ergebnisse der Umfrage im Überblick:

Gastronomie auf dem Rückzug: Fast zwei Drittel der Umfrage-Teilnehmer (63,3 %) gaben an, dass die Zahl der Gasthäuser und Restaurants in ihrer Stadt/Gemeinde gesunken ist. Lediglich 8 % der Teilnehmer berichteten von gestiegenen Betriebszahlen. Der Rückgang der Betriebszahlen, der sich mittlerweile statistisch gut belegen lässt, zeigt aber nicht das ganze Problem: Unter dem Druck von chronischem Mitarbeitermangel und starren gesetzlichen Arbeitszeitvorgaben reduzieren auch viele der noch existierenden Betriebe ihre Angebote: So haben seit 2015 – dem Jahr der Einführung der Arbeitszeit-Dokumentationspflicht – 64,5 % der Umfrageteilnehmer ihre Öffnungszeiten reduziert. Mehr als die Hälfte der Teilnehmer haben die Küchenzeiten eingeschränkt (57,1%) oder die Speisekarte verkleinert (52,3%). Mehr als jeder dritte Betrieb, der an der Umfrage teilgenommen hat, bietet mittlerweile keinen warmen Mittagstisch mehr an. 42,1 Prozent der Umfrageteilnehmer haben einen zusätzlichen Ruhetag eingeführt. Besonders dramatisch ist die Lage auf dem Land, also in Gemeinden unter 5000 Einwohnern: Fast drei Viertel der Teilnehmer (70,4%) berichten von gesunkenen Betriebszahlen im Ort. Auch die Werte zur Reduzierung von Angeboten und Öffnungszeiten liegen bei den Dorfgastronomen deutlich über denen der Gesamtauswertung.

Arbeiten bis zum Umfallen: Dass der Mitarbeitermangel und die starren Vorgaben des Arbeitszeitgesetzes vor allem zulasten der Betriebsinhaber und ihrer Familien geht, ist ein weiteres, alarmierendes Ergebnis der Umfrage. Über 90 % der Teilnehmer geben an, dass die persönliche und familiäre Arbeitsbelastung im Betrieb seit 2015 zugenommen oder sogar stark zugenommen (59%) hat. Ein Umfrageteilnehmer schreibt: „Wir arbeiten selber etwa 40% mehr Stunden pro Woche als vor 2015. Wir sind gesundheitlich am Ende und suchen nach Lösungen, wie wir unseren Lebensunterhalt anders als in Gastronomie bestreiten können. Auch unsere minderjährigen Kinder helfen viel mehr im Geschäft, als es in einem Land wie Deutschland zumutbar wäre.“

Dürftige Ertragsentwicklung: Dass der wirtschaftliche Erfolg der Schafferei bei viele Wirtinnen und Wirten eher dürftig ist, legen die Angaben zur wirtschaftlichen Entwicklung nahe: Zwar berichten fast 80% der Teilnehmer von steigenden oder zumindest stabilen Umsätzen im letzten Jahr – nur jeder vierte Betrieb (26,6%) konnte die gute Konjunkturlage allerdings in steigende Erträge ummünzen. 40 Prozent der Umfrageteilnehmer berichten sogar von gesunkenen Erträgen im letzten Jahr.

Die wichtigsten Probleme: Nicht überraschend, weil bekannt aus vielen anderen Umfragen, sind die Probleme, die Wirtinnen und Wirte im Land am meisten belasten. Auf den Spitzenplätzen rangieren die Belastung durch Bürokratie, Mitarbeitermangel und steigende Kosten. Alarmierend ist aber auch, dass vielen Betrieben die Mittel fehlen, um sich gut für die Zukunft aufzustellen: 25,6 Prozent der Umfrageteilnehmer gaben an, dass ihnen Mittel für die Finanzierung notweniger Investitionen fehlen.

Nachfolge oft ungeklärt: Vor allem im ländlichen Raum wissen offenbar viele Betriebsinhaber nicht, wer ihr Unternehmen in der nächsten Generation weiterführen soll. Lediglich 14,3% der befragten „Dorfgastronomen“ (Betriebe in Gemeinden unter 5000 Einwohner) gaben an, die Unternehmensnachfolge geregelt oder eine Regelung zumindest in Aussicht zu haben. Bei 46,8 % der Dorfgastronomen ist die Nachfolge dagegen ungeklärt, 38,9 % der Befragten gaben an, dass sie sich mit dieser Frage aktuell noch nicht befassen müssen. Dass die Antworten zum Thema Unternehmensnachfolge bei den Dorfgastronomen durchweg ungünstiger ausfallen als in der Gesamtauswertung ist ein deutlicher Beleg für die besonders schwierige Situation der Gas-tronomie im ländlichen Raum.

Alarmzeichen für die Tourismuswirtschaft
Der DEHOGA Baden-Württemberg dankt allen Mitgliedern, die sich an der Umfrage beteiligt haben. Die Antworten liefern starke Argumente für die politische Arbeit des Verbandes. „Die dramatische Lage der Gastronomie ist ein Alarmzeichen. Die Vertreter der Tourismuswirtschaft sollten nicht abwarten, sondern sich gemeinsam mit dem DEHOGA noch deutlicher für bessere Rahmenbedingungen“, betont DEHOGA-Vorsitzender Fritz Engelhardt. Denn, so Engelhardt: „Regionen, die keine gute, vielfältige Gastronomie mehr haben, sind touristische nicht zu vermarkten.“

 

Stand: 10.04.2019

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Die Auswertung der Umfrage kann im Servicecenter heruntergeladen werden. Zum Download

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Das sagen die Wirte: Umfrage-Teilnehmer im O-Ton