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„Wir sind im Wellnessbereich richtig gut“

- Arne Mellert (47) ist seit 12 Jahren Geschäftsführer des Heilbäderverbandes Baden-Württemberg und der verbandseigenen Heilbäder und Kurorte Marketing GmbH Baden-Württemberg.
Herr Mellert, wie wichtig war die Mehrwertsteuersenkung im Hotelgewerbe für die Wettbewerbs- fähigkeit des Kur- und Bäder- standortes Baden-Württemberg?
Immens wichtig. Es hat sich gezeigt, dass durch die Mehrwertsteuer- senkung Spielraum geschaffen wurde für Investitionen, für neue Arbeitsplätze und für die Weiter- qualifikation der Mitarbeiter. Das begrüßen wir außerordentlich.
Was hat sich durch die Gesundheitsstrukturreform für Ihre Mitglieder – Heilbäder, Kurorte und Gesundheitsbetriebe im Land – verändert, und wie unterstützen Sie Ihre Mitglieder, um den neuen Marktanforderungen gerecht zu werden?
Mit jeder Gesundheitsreform in den letzten Jahren haben sich die Rahmenbedingungen für die Heilbäder und Kurorte im Land verändert. Die Gesetzesvorgaben hatten dabei direkten Einfluss auf die Auslastung der Gesundheitsbetriebe. Leider fast immer im negativen Sinn. Allerdings verstehen wir diese Einschnitte auch als Chance. Die frei gewordenen Kapazitäten haben es uns ermöglicht, zusätzliche Gesundheitsangebote zu entwickeln und auf dem Markt zu platzieren. Die prominentesten Beispiele dafür sind sicher die Angebotsfamilien aus dem Wellnessund Medical Wellness-Bereich. Aktuell sind es die Themen Arbeitsplatzgesundheit und Seniorenwirtschaft. Wir unterstützen unsere Mitglieder hier in der Produktentwicklung, dem Vertrieb und der Öffentlichkeitsarbeit.
Unsere Mitglieder, z. B.Wellness-Hotels, sehen die Angebote von Kliniken an privat zahlende Gäste teilweise kritisch.Werden die Kurkliniken zur Konkurrenz für die Hotellerie?
Auf keinen Fall! Ganz im Gegenteil. Die Kurkliniken ergänzen mit ihrem Angebot die bestehende Infrastruktur im Kurort. Mit ihnen werden zusätzliche Gästegruppen angesprochen, die sonst eventuell nicht im Kurort oder Heilbad übernachtet hätten. Es handelt sich dabei vor allem um die Gästegruppe, die alle Leistungen, von der Übernachtung bis hin zum medizinischen Check up, unter einem Dach haben möchte. Dieses Angebot finden wir derzeit nur sehr begrenzt in der Hotellerie. Diese Gästegruppe orientiert sich an Medical-Wellness-Angeboten. Gäste die ein reines Wellness-Angebot suchen, werden eher nicht in einer Kurklinik ihren Urlaub verbringen.
Die derzeitige Entwicklung in Baden-Württemberg zeigt, dass Teilbereiche der Kurkliniken über einzelne Etagen oder über entsprechende Anbauten das Übernachtungsangebot in Kombination mit einem Präventionsangebot auf dem Privatzahlermarkt anbieten. Es ist nicht davon auszugehen, dass in absehbarer Zeit die Kurkliniken mit einem Schlag zu reinen Gesundheitshotels werden. Obwohl sie sich im Übernachtungs-, Service- und Gastronomiebereich ganz sicher nicht verstecken müssen.
Es gibt da ja auch ein Problem mit der Kassenzulassung und diesen steuerlichen Richtlinien….
Richtig. Eine Klinik darf maximal bis zu 40 Prozent ihrer Belegung über Privatgäste machen. In der Regel, liegt der Anteil bei maximal 10 Prozent aufs Jahr gesehen. Auch das Thema, im Urlaub Gesundheitsleistungen in Anspruch zu nehmen, wird auf Ausnahmen beschränkt bleiben. Dass z. B. jemand für zwei Wochen an den Bodensee geht und dort vier Tage in der Zahnklinik bucht – so etwas wird vorerst ein Nischenangebot sein.
Dennoch - der Gesundheitsurlaub ist im Kommen. Dabei geht es um Prävention. Und hier spielen uns die aktuellen Entwicklungen zu. Verlängerte Lebensarbeitszeit, ein höheres Lebensalter und der Fachkräftemangel werden unsere Gesellschaft und damit auch unser Gesundheitssystem vor eine große Herausforderung stellen. Wir stellen uns diesen Themen mit Angeboten zur betrieblichen Gesundheitsförderung, mit einem flächendeckenden Angebot im AHB- und Reha-Bereich sowie mit zielgruppenspezifischen Präventionsangeboten.
Gibt es ein Alleinstellungsmerkmal für Baden- Württemberg?
Ein einziges nicht, wir haben viele. Zwei Beispiele: Baden-Württemberg ist, wenn ich es mit anderen Bundesländern vergleiche, im Bereich Kulinaristik hervorragend aufgestellt. Und Baden- Württemberg ist das Bundesland, das das Thema Qualität und Qualitätssicherung am energischsten vorantreibt. Das sehen wir beim Projekt Servicequalität Deutschland, bei der KKlassifizierung sowie den Wellness Stars und Medical Wellness Stars. Unser Ehrgeiz, gemeinsam besser zu werden, und die Überzeugung, dass qualitativ gute Produkte überleben, machen uns stark.
In Baden-Württemberg kümmern sich viele Organisationen um das Tourismusmarketing – die TMBW auf Landesebene und etliche regionale Vermarktungsorganisationen, z. B. für den Schwarzwald, die Schwäbische Alb, die Region Stuttgart oder die Bodenseeregion. Ihre Heilbäder und Kurorte Marketing GmbH Baden-Württemberg bricht aus diesem Prinzip der regionalen Zuordnung aus und vermarktet landesweit Heilbäder, Kurorte und Gesundheitsbetriebe. Kommt es da nicht zu Doppelstrukturen?
Meiner Meinung nach gibt es keine Doppelstrukturen – zumindest was uns betrifft. Wir decken kompetent den Bereich der Gesundheitswirtschaft in all seinen Facetten ab. Dabei informieren und beraten wir unsere Mitglieder in Bezug auf Trends, veränderte politische Rahmenbedingungen und entwickeln neue Produktlinien. Wir sind wie jeder Fachverband zuständig für die Öffentlichkeits- und Lobbyarbeit. Unser Ansporn als Fachverband ist es, genau das Leistungsportfolio zu entwickeln, das bei den Mitgliedern und Leistungsträgern ankommt.
Letztendlich entscheiden diese, bei welchem Verband bzw. bei welcher Vereinigung sie sich aktiv und finanziell einbringen. Damit entscheiden letztendlich die Mitglieder über mögliche Doppelstrukturen. Wir hatten zum Beispiel Seminare im Angebot – aber nachdem wir eingehend geprüft haben, was z.B. der DEHOGA und die Schwarzwald GmbH anbieten, haben wir entschieden, dass wir nicht mehr in diesem Segment tätig sein müssen.
War der Wellnessboom ein Fluch oder ein Segen für die Heilbäder und Kurorte?
Für uns war er ein Segen, weil er dazu geführt hat, dass unsere Leistungsträger ihre Auslastung übers Wochenende deutlich erhöhen konnten. Zusätzlich halten wir ein attraktives und wetterunabhängiges Angebot vor, vor allem auch für die Vor- und Nachsaison. Da konnten einige Heilbäder und Kurorte das kompensieren, was durch die Gesundheitsreformen im Klinikbereich abgebrochen ist. Und wir haben hier im Ländle etwas ziemlich Einmaliges geschafft: Wir sind im Wellness- Segment richtig gut aufgestellt. Es gibt bei uns nicht nur wenige ganz gute Betriebe, sondern zahlreiche. Und wir haben es geschafft, den Schwarzwald erfolgreich als die Wellnessregion in Deutschland zu positionieren.
Welche Rolle spielt dabei die geprüfte Qualität durch die Wellness-Stars und die Medical-Wellness-Stars?
Geprüfte Qualität ist ganz sicher ein wichtiger Erfolgsfaktor. Die Wellness Stars sind seit sieben Jahren auf dem Markt und das Qualitätssiegel gewinnt jährlich an Bedeutung, nicht nur bei unseren Leistungsträgern, sondern auch bei unseren Gästen. Unser Dank gilt all den Betrieben, die wir seit Anfang an auf ihrem Weg, für ihre Gäste noch besser zu werden, begleitet dürfen.
Wird der Wellness-Boom anhalten?
Wir gehen davon aus, dass auch in den nächsten Jahren in diesem Segment mit Zuwachs zu rechnen ist. Baden- Württemberg wird in dem Maß an Marktanteilen gewinnen, wie der Deutschlandurlaub an Bedeutung gewinnen. Unser Ziel muss es in den kommenden Jahren sein, die durchschnittliche Übernachtungsdauer wieder zu erhöhen, vor allem im Wellnesssegment. Dieser Verantwortung werden wir uns alle, ob im Gesundheits-, Städte-, Erholungs- oder Landschaftstourismus Verantwortlichen, stellen müssen.
Welche Rolle spielt für Sie die Gastronomie im Gesundheitstourismus?
Eine ganz entscheidende und wichtige Rolle. Denn gesunde und regionale Ernährung trägt entscheidend zum Wohlbefinden bei. Über die Gastronomie kann ich die wesentlichen Sachverhalte einer gesunden Ernährung vermitteln, die unsere Gäste zu Hause später umsetzen. Ich will keine Lehrküchen im Restaurant, aber ich will durch gute gezielte Informationen ein besseres Bewusstsein dafür schaffen, was man auf dem Teller hat. Ich fand die Aufwertung des Kochberufs durch die Kochshows faszinierend. Ähnliches wünsche ich mir auch für die Servicekräfte, die Botschafter regionaler gesundheitsorientierter Küche.
Herr Mellert, herzlichen Dank für dieses Gespräch.
Dem Heilbäderverband Baden-Württemberg e.V. gehören 47 nach dem Kurortegesetz prädikatisierte Orte an. Präsident ist Prof. Rudolf Forcher (Bad Waldsee),die Geschäftsführung liegt in Händen von Arne Mellert. Der Verband vertritt die Interessen seiner Mitglieder gegenüber Politik, Öffentlichkeit und Partnern aus Wirtschaft und Verwaltung. Darüber hinaus berät der Verband in Fragen des Gesundsheitstourismus, fördert Wissenschaft, Forschung und Marketing sowie den Erfahrungs- und Informationsaustausch der Mitglieder untereinander. Auch der Abschluss von Rahmenverträgen gehört zu den Verbandsaufgaben.
Der Heilbäderverband finanziert sich über Mitgliedsbeiträge. Zu den Kernaufgaben der Heilbäder- und Kurorte Marketing GmbH Baden-Württemberg (HKM) zählt u. a. die Förderung des Kurwesens und des Gesundheitstourismus in höherprädikatisierten Kurorten des Landes, Marktforschung sowie die Entwicklung und Durchführung von Marketingkonzepten. Die HKM entwickelt darüber hinaus gesundheitstouristische Strategien, betreibt Produktentwicklung und Vertrieb, plant und organisiert Veranstaltungen, Kongresse und Tagungen.
Die HKM finanziert sich durch eine Marketingumlage der Mitglieder sowie durch das Aktionsprogramm Heilbäder und Kurorte des Wirtschaftsministeriums Baden-Württemberg. Heilbäderverband und HKM beschäftigen insgesamt vier Vollzeit-Mitarbeiter. Der Heilbäderverband Baden-Württemberg ist auf Bundesebene Mitglied des Deutschen Heilbäderverbandes e.V. Auf Landesebene ist er Mitglied beim Tourismusverband Baden-Württemberg e.V. Die HKM GmbH ist Gesellschafterin der Tourismus Marketing GmbH Baden-Württemberg.
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